Restaurierung & Sanierung 2012-2018

Markgräfliches Opernhaus Bayreuth

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Bau- und Restaurierungsgeschichte

Baugeschichte des Gebäudes:
Der Hofarchitekt Joseph St. Pierre

Schon im Sommer 1744 wurden einige Häuser, die an das alte Redouten- und Komödienhaus anstießen, angekauft und abgerissen, um Raum für den Bau des Opernhauses zu gewinnen. Ende Dezember forderte die Kammer beim Hofbauamt einen Anschlag an, der im Januar 1745 erstellt wurde, doch dauerte es noch einige Zeit, bis mit dem Bau begonnen werden konnte. Noch im Februar 1746 stellte die Kammer fest, dass zum Bau des Opernhauses kein einziger Stein angefahren worden war, doch scheint wenig später begonnen worden zu sein. Im gleichen Jahr wurden etliche Häuser am Fuß des Schlossberges abgerissen, um einen kleinen Vorplatz vor dem Opernhaus und eine Sichtverbindung zum Residenzschloss zu schaffen. Im Frühjahr 1747 beschloss man, das Opernhaus nach rückwärts zu verlängern, „wozu noch der Müller Krazer in der Ziegel-Gaße, seine Wiese nebst einen Graß-Garten, für 525 fl. hergeben musste“. Im Herbst fand dann das Richtfest statt. Ende Oktober traf der bestellte Schiefer zum Decken des Daches ein, so dass nach der Eindeckung im Dezember mit dem Ausbau des Logenhauses nach den Plänen Giuseppe Galli Bibienas begonnen werden konnte. Ein auf den 7. Februar 1747 datierter Anschlag für das noch benötigte Bauholz nennt den Architekten Joseph St. Pierre, dessen Namen in den lückenhaft erhaltenen Bauakten des Opernhauses nur dieses eine Mal begegnet. Ein Vergleich mit der Fassade des ein Jahrzehnt später errichteten Neuen Schlosses, für dessen Urheberschaft St. Pierre beglaubt ist, lässt jedoch an der Persönlichkeit des Baumeisters der Außen- und speziell der Fassadenarchitektur des Opernhauses keinen Zweifel.

Auch von Giuseppe Galli Bibiena liegt ein Architekturentwurf für die Fassade des Opernhauses vor. Obwohl der Entwurf von Markgraf Friedrich abgezeichnet wurde und damit zur Ausführung frei gegeben wurde, wurde er zuletzt doch verworfen. Die Gründe dafür sind uns unbekant. Sie können finanzieller Natur gewesen sein; vorstellbar wäre auch, dass St. Pierre schnell einen Gegenentwurf vorlegte, der mehr überzeugte. Tatsächlich unterscheiden sich beide Entwürfe grundsätzlich. Erinnert der Fassadenentwurf Galli Bibienas mehr an ein Palais, das sich zwischen andere ähnliche Bauten in einer Straßenflucht einfügt, wirkt St. Pierres Entwurf um einiges monumentaler und feierlicher. Ja, man kann sogar sagen, dass er besser mit dem Anspruch des von Giuseppe durchgeführten Innenausbaus korrespondiert als dessen eigener Vorschlag. St. Pierre wurde um 1708/09 wohl in Mannheim geboren, die Familie stammt aus dem Piemont. 1743, als man für die anstehenden großen Bauvorhaben in Bayreuth fähige Architekten benötigte, wurde er zunächst probeweise, 1746 endgültig als „Hof Bau Inspektor“ eingestellt. Bis er 1754 verstarb, hat er die Stadt am Roten Main mit seinen zahlreichen Bauten, darunter auch das Neue Schloss, zu einer repräsentativen Residenzstadt umgebaut.

Die Baugeschichte des Zuschauerraums:
Der Theaterarchitekt Giuseppe Galli Bibiena

Die Errichtung des fast ausschließlich in Holz aufgeführten Zuschauerhauses erfolgte in außerordentlich kurzer Zeit. Schon im Mai 1748 schrieb Wilhelmine ihrem Bruder Friedrich dem Großen: „Dieser Tage habe ich das neue Opernhaus besichtigt. Ich war hocherfreut darüber, das Innere ist fast vollendet. Bibiena hat in diesem Theater die Quintessenz des italienischen und französischen Stils vereinigt. Man muss zugeben, in seinem Fach ist er ein Meister. „Im September 1748 wurde das in seinem Äußeren noch unvollendete Opernhaus, das zur Zeit seiner Errichtung eines der größten und prächtigsten Deutschlands war, anlässlich der Vermählung der einzigen Tochter des Markgrafenpaares, Prinzessin Elisabeth Friederike  Sophie, mit Herzog Carl II. Eugen von Württemberg in Benutzung genommen.

Man gab zwei Opern und mehrere französische Komödien und hielt dort anschließend auch Galatafel. Möglicherweise standen zu jener Zeit weder die Straßenfassade des Opernhauses noch das dahinter gelegene Vestibül. Da einer Nachricht von August 1750 zufolge noch an der Fassade gearbeitet wurde, begann man mit dem Bau des vorderen Teiles wohl erst nach der Einweihung von Bühnen- und Zuschauerraum 1748. Gegen Ende des Jahres 1750 war das Opernhaus wahrscheinlich auch in seinem Äußeren vollendet. 

Der mit der Ausgestaltung des Zuschauerhauses beauftragte Architekt Giuseppe Galli Bibiena konnte als bedeutendster Theaterarchitekt seiner Zeit gelten. Die Familie der Galli stammte aus Bibbiena bei Bologna (wo Antonio Bibiena das berühmte Teatro Communale errichtete); durch ihre weit verzweigten Familienmitglieder erbaute sie an fast allen Höfen Europas Theater oder schuf Bühnenausstattungen im Stil des üppigen italienischen Barock. 1696 in Parma geboren, traf Giuseppe 1712 mit seinem Vater Ferdinando in Wien ein, wo er am kaiserlichen Hof den größten Teil seiner Schaffenszeit verbrachte. 1743 kam er zum ersten Mal an den Dresdener Hof des sächsischen Kurfürsten. 1754 schließlich wurde er von Friedrich dem Großen zum Hofarchitekten ernannt. Drei Jahre später verstarb er.

An der dekorativen Ausgestaltung des Bayreuther Theaters hatte Giuseppes Sohn Carlo, der schon 1746 aus Wien an den theaterfreudigen Bayreuther Hof berufen worden war, hervorragenden Anteil. Zudem entwarf Carlo Bibiena, der fast ein Jahrzehnt seines bewegten Lebens am markgräflichen Hof verbrachte, auch den gesamten Bühnendekor des Markgräflichen Operhauses. Dagegen schied Giuseppe Galli Bibiena nach seinem halbjährigen Aufenthalt in Bayreuth (März bis September 1747) wieder aus dem Dienst des Markgrafen aus und kehrte an den Dresdener Hof zurück, nachdem er vom Markgraf  „wegen seiner gehabten Mühewaltung und bezeugten Fleißes 1000 fl. rh. zu einem Präsent“ und 100 fl. Reisekosten erhalten hatte. 

Der zweifellos auf Giuseppe zurückgehende Entwurfsplan des Theaterraums knüpfte offensichtlich an die Tradition der Bibiena am Wiener Hof an. Auffallend ist die Verwandtschaft mit zwei 1704 datierten Stichen nach Plänen Francesco Bibienas, des Onkels von Giuseppe, zu einem neuen Wiener Schauspielhaus. Die Gliederung des Raumes stimmt nahezu völlig überein, doch ist in Bayreuth eine Beruhigung der Formen eingetreten, die am offenkundigsten wird an der jetzt nur mehr angedeuteten Ausschwingung der Raumbrüstungen und den schlichter geformten Stützen und Rängen, in deren System die Fürstenloge nunmehr fest einbezogen ist.

(Quelle: Peter O. Krückmann, Amtlicher Führer, 2003)